Episode 02 – Romantik (Teil 1)

“Romantik – Eine defekte Blaupause”

Worum geht’s?

Was bestimmt eigentlich was wir in einer Beziehung oder bei einem Date als “gut” oder “schlecht” empfinden?

Entscheiden wir das wirklich instinktiv richtig oder gibt es eine Art “Blaupause” in uns, nach der wir entscheiden ob wir jemanden toll finden?

Die Romantik ist einer dieser Blaupausen, die uns unbewusst steuern was wir gut finden, und was nicht, oder – in wen wir uns verlieben und in wen nicht.

Diese Blaupause hat jedoch einen großen Haken.

 

Transcript

“Wenn ich mich in jemanden verliebe, dann weiß ich doch, dass es passt.”
Das ist der erste Aberglaube, den wir gemeinsam zu Grabe tragen müssen.
Ich weiß, es ist hart, und es tut mir Leid. Denn jetzt fragst du dich vermutlich: “Ja wie, jetzt kann ich mich nicht einmal auf meine Gefühle verlassen?”

Oder du denkst dir: “So ein Schwachsinn!”
Aber hast du dich denn noch nie gefragt, warum du so liebst wie du liebst?
Die (romantische) Liebe wie wir sie kennen ist uns nicht angeboren. Sie ist angelernt. Und sie ist so tief in uns verankert, dass sie wir sie als schön empfinden, egal wie schädlich sie für uns langfristig sein kann.

Warum eine überromantisierte Vorstellung einer Beziehung Gift für’s Dating und deine Beziehung ist, das schauen wir uns in dieser Folge an – auch wenn ich mich damit unbeliebt mache – wenn wir nicht ehrlich miteinander sind, kommen wir nicht weit.

Das wird eine etwas längere Folge, aber bleib dran, es lohnt sich. Am Ende wirst du ganz genau wissen was das Problem mit der Romantik ist, wie genau es deine Beziehungen zerstört und was du dagegen tun kannst.
Das Besondere daran ist, dass alles was ich in dieser Folge erwähne auch deine Beziehung zerstört, obwohl du vielleicht gar nicht romantisch bist. Also, legen wir los.

Rein psychologisch gesehen gehen die meisten von uns eine Beziehung mit einem Gefühl des MANGELS ein. Uns fehlt die Überzeugung, dass wir so geliebt werden könnten, wie wir eben sind.

Und das kann man uns eigentlich gar nicht vorwerfen. Wir kennen es einfach nicht anders.

Unsere Ex-Partner haben uns ausgenutzt (seelisch wie körperlich) oder für jemand anderen (in unseren Köpfen “besseren”) verlassen, oder waren einfach nie zufrieden mit dem was wir getan haben.

So entstand in uns der Glaubenssatz, dass wir Besonderes tun, leisten und sein müssen, damit uns jemand mag. Damit wir es wert sind von jemandem geliebt zu werden.

Ich habe lange überhaupt nicht darüber nachgedacht warum wir z.B. teure Geschenke kaufen, um eine Frau zu beeindrucken, oder uns schick zum Essen verabreden, oder warum Männer sich um eine Frau bemühen sollen und Frauen nicht um die Männer?

Das sind Ideale, die ja irgendwoher stammen müssen.

Und dann habe ich es gefunden: Aus der Romantik.

Viele glauben, dass uns die romantische Art und Weise von Beziehungen instinktiv den richtigen Weg zeigen werden, und das ist ja auch nicht verwunderlich. Romantisches Zeug ist ÜBERALL!

“Wenn er mich wirklich liebt, dann zeigt er es mit Geschenken oder Aufmerksamkeit – am Besten ohne dass ich etwas sage. Ja, wenn er mich wirklich liebt, dann weiß er einfach was ich will. Und wenn er das tut, dann ist das der Beweis dafür, dass er mich wirklich liebt”.

“Wenn sie mich wirklich liebt, dann schaut sie zu mir auf, bewundert mich und sagt mir dass ich der größte bin”

Das sind ja schon mal eine Menge unausgesprochener Erwartungen: und unausgesprochene Erwartungen sind genau eines: zukünftige Frustration

Die Romantik ist aber erst einmal nichts weiter als eine künstlerische Epoche des 18. bis ins 19. Jahrhundert. Sie war die Reaktion auf die industrielle Revolution, einer Zeit die extrem geprägt war von Pragmatismus, Wissenschaft, Wirtschaft, Regeln und der Aristokraten. Die kompromisslose Ausweitung des Handels, der Urbanisierung, die Verarbeitung von Stahl in Massen und die Ausbeutung der Natur unter dem Willen des Menschen machte dieses Zeitalter nicht gerade gemütlich.

Die Literaten und Künstler sahen es nicht als ihre Aufgabe an die kühle Realität so einzufangen wie sie ist, sondern so schön und verträumt wie sie sein KÖNNTE bzw. SOLLTE. Im Prinzip der Prototyp der illusorischen Verdrängung.

Und so sind damals unzählige romantische Geschichten entstanden, die nur so getrieft haben von Liebesduselei und Galanterie und Helden auf Rössern und armen schwachen Frauen, die gerettet werden müssen. Je triefiger, und damit romantischer, desto besser.

Potenzielle Partner sollten so einem Ideal der großen Kavalier-Vorbildern aus den Geschichten entsprechen, die ALLES für die Liebe getan haben – und das gilt bis heute.

Die Gentlemen auf der anderen Seite suchten sich Damen, von denen sie bewundert werden und die zu ihnen aufsehen als ob sie ohne ihre Liebe nicht mehr existieren könnten – das Ideal der Liebe, die auf Status, Ansehen und Reichtum basiert.

Jede Liebesgeschichte, jede Hollywood Romcom, jeder Pop-Song, jedes Pärchen-TikTok basiert auf 6 Prinzipien, die auf das Zeitalter der Romantik zurückzuführen sind:

Regel 1: Heiraten
Der ultimative Ausdruck der Liebe ist eine Hochzeit, und die anfängliche Verliebtheit hält ein Leben lang.

Regel 2: Liebe und Sex
Sex ist ein Zeichen von Zuneigung und Verbundenheit zweier Seelenverwandter. Guter Sex ist ein Zeichen für Verbundenheit, schlechter für Inkompatibilität.

Regel 3: Ende der Einsamkeit
Wahre Liebe bedeutet das Ende unserer Einsamkeit.

Regel 4: Emotionen
Alleine, weil es sich richtig angefühlt, ist es richtig.

Regel 5: Praktische Erwägungen gibt es nicht
Es wirkt fast schon kalt oder resigniert die Vernunft einzuschalten.

Regel: Akzeptanz
Wahre Liebe akzeptiert und liebt alles am anderen.

Die romantische Ideal von Liebe führt letzten endes jedoch dazu, dass wir…
… uns von Oberflächlichkeiten beeindrucken lassen
… unseren Emotionen freien Lauf lassen, ohne sie zu hinterfragen
… toxische Verhaltensweisen akzeptieren
… evtl. Erwartungen unserer Eltern oder der Gesellschaft gerecht werden wollen (z.B. heiraten) – ohne Beachtung was wir eigentlich wollen
… Liebe und Zuneigung mit Sex verwechseln

Wenn man sehr streng wäre, dann müsste man eigentlich etwas erschreckendes feststellen: Das Romantische Ideal von Liebe ist eine Liebe, die nicht den anderen so sieht wie er ist, sondern potenzielle Partner mit einem Ideal abgleicht. Vom Prinzip her nichts anderes wie ein Schönheitsideal. Ein Liebesideal. Sie ist damit also eine sehr oberflächliche Liebe.

Sie ist so oberflächlich, dass jeder Mann ganz einfache Techniken erlernen könnte, welche die romantischen Schaltungen einer Frau missbrauchen könnte um sie von sich zu überzeugen. Sodass Jenny dann zu ihrer Freundin sagt: “Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ist der echt süß – obwohl er garnicht mein Typ ist!”

Was ist hier passiert?

Jenny hat die (erlernten) Eigenschaften dieses Frauenhelden mit ihrer (unbewussten) Vorstellung eines Mannes abgeglichen, die zu einem Großteil dem romantischen Ideal entspricht.

Ach Jenny.

Wenn dir das unrealistisch vorkommt, dann muss ich für dich jetzt wohl das große Geheimnis der Pick-Up Artist szene lüften.
Denn das ist genau das, was eine ganze Subkultur von Männern die sich “Pick Up Artists” nennen, tun – und was ich auch einmal getan habe. Ich gebe es zu: ich habe die Techniken Frauen zu erobern ausprobiert und es ist erschreckend wie gut sie funktionieren – für Oberflächliches. Sie sind jedoch nicht zu gebrauchen, wenn man eine Beziehung auf Substanz und Intimität aufbauen möchte, denn sie basieren auf Manipulation und Augenwischerei.
Was sie uns aber zeigen, ist wie stark diese Ideale in uns verankert sind, und gleichzeitig wie unbewusst sie in uns ernsthafte Entscheidungen beeinflussen.

Wir merken ja Gottseidank, wie sich der eine oder andere Punkt der Prinzipien heutzutage bereits beginnt etwas aufzulösen, indem wir auch auf wichtigere Dinge wie Werte achtgeben. Aber im großen und ganzen ist das immer noch das Liebes-Script, das uns vorgelebt wurde seitdem wir existieren – und dem wir brav und hörig folgen.

Sei es durch Filme, Social Media, unsere Eltern oder Tante Ingrid die uns auf jeder Familienfeier vorwurfsvoll daran erinnert warum wir eigentlich (immer noch nicht) verheiratet sind.

Wir haben erste Schritte getan um uns von diesem Zwang zu lösen. Ein unverheiratetes Paar mit Kindern gilt heute nicht mehr als absolut seltsam. Eine Scheidung ist kein Stigma mehr, die uns ein dickes “FAIL” auf die Stirn tätowiert. Und sich nach einer Trennung Zeit für sich zu nehmen gilt als gesund und mündet nicht gleich in geächtete Einsamkeit.

Wir haben gesellschaftlich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Was wir jedoch nicht getan haben, ist uns anzuschauen was die Psychologie spannendes dazu zu sagen hat.

Denn all diese Idealisierungen und Normalisierungen erzeugen eines: unrealistische Erwartungen.

Unrealistische Erwartungen und furchtbare Ängste. Und Unsicherheit. Und Opferdenken.
Wenn mich jemand (gerade) liebt ist es Schicksal, wenn es scheitert sind alle Schuld – außer mir.

Warum? Weil das nicht unsere eigenen Werte, Vorstellungen und Wünsche sind nach denen wir leben, sondern welche die wir unbewusst gelernt haben, und dadurch nie wirklich den umgang damit gelernt haben. Wir haben nur die Illusion, dass wir dadurch Sicherheit herstellen. Dabei spielen wir nur ein Spiel nach den Regeln des 19. Jahrhundert.

Im Kern lässt sich die illusorische Fehler der Romantik in diesem vereinfachten Satz zusammenfassen:
Die Frau erwartet, dass der Mann ihr immer und für immer allen Halt und Sicherheit in ihrem leben gibt, dann ist er ihr Held. Der Mann bemüht sich ihr dies zu geben, und zieht aus dieser Leistung seinen Selbstwert. Und so ergänzen sie sich perfekt.

Oder anders herum gesagt:
Je wichtiger dir bei einem Mann Status, Geld, Stärke, etc. sind, desto weniger Sicherheit trägst du in dir.
Wenn du dir als Mann keine unabhängige, eigenständige Frau an deiner Seite vorstellen kannst, die auf ihren eigenen Beinen steht, sondern von dir abhängig ist, besteht deine Liebe daraus dein Ego durch sie zu bestätigen.

Außerdem ist die romantische Liebe extrem Zielorientiert: nach dem motto:
Wenn mich jemand liebt, dann werde ich glücklich sein.
An dieser Formulierung merkt man zusätzlich, dass nicht nur die Erlösung in die Zukunft verschoben wird, sondern auch an eine Bedingung geknüpft ist.
Wenn… dann… eine Liebe unter Bedingungen, und keine bedingungslose Liebe, wie sie der Romantik fälschlicherweise in jeder RomCom unterstellt wird.

Wir sollten uns alle mal eine Frage stellen:
Wie wirkt sich unser Verhalten am Anfang einer Beziehung langfristig aus?

Es braucht da keine psychologischen Studien dazu (die es jedoch zu Hauf gibt), um zu wissen, dass überzogene und unausgesprochene Erwartungen, Perfektionsstreben, Statusgehabe, Manipulation und Spielchen sich nicht positiv auf eine Beziehung auswirken.

Das größte Problem entsteht allerspätestens dann, wenn einer der beiden seiner Rolle nicht mehr gerecht wird.

Natürlich fühlen sich romantische Sachen am Anfang gut an. Diese emotionale Abhängigkeit, wie ich sie vorhin beschrieben habe gibt uns das Gefühl von Geborgenheit und Nähe. Woran aber niemand denkt, ist was denn passiert, wenn einer der beiden seiner Rolle nicht mehr gerecht werden will oder kann.

Wenn Männer am Anfang turbo-romantisch und zuvorkommend sind und der Frau jeden Wunsch von den Lippen ablesen, sollte man sich als Frau fragen: hält der das wohl für immer durch oder tut er das, weil er denkt dass man das so tun muss? Wenn nein, wie wichtig ist mir das?

Wenn darauf die Antwort lautet, dass ich ihn nicht lieben könnte, ohne dieses Gefühl von absolutem Schutz und der Erlösung aus meinem tristen, einsamen Leben, dann habe ich leider schlechte Nachrichten für dich.

Denn was passiert, wenn dein Mann selbst einmal in eine Krise fällt?

Als mein Vater vor einigen jahren gestorben ist, war ich damals gerade in so einer Beziehung. Man nennt dieses Verhalten in der Psychologie Koabhängig.
Ich konnte ihr damals nicht mehr die Sicherheit und Gelassenheit geben, wie sie es gewohnt war, was daraufhin zu unglaublich viel Frust, Streit und Drama geführt hat weil ich ihr plötzlich als Anker gefehlt habe. Sie hat daraufhin ständig unter der Angst gelebt, dass ich sie verlasse, und hat auf diese Angst mit Wut reagiert – wie es viele Menschen tun, wenn sie sich hilflos fühlen. Auch Fight or Flight-Effekt genannt. Der Teufelskreis die unsere Beziehung langsam aber sicher dem Untergang geweiht hat nahm seinen Lauf, und jeder von uns hat sich mit jedem Streit ein kleines bisschen von dem anderen Zurückgezogen. Bis das Band dann endgültig gerissen ist, weil mir das ganze Drama zusätzlich zur Trauer um meinen Vater schlicht und ergreifend zu viel wurde.

Puh!

Was sollen wir also tun?

Ich plädiere nicht dafür, die Romantik zu verteufeln und sie komplett abzuschalten damit wir am Ende nur noch vernunft getriebene Beziehungen leben.

Wir müssen uns jedoch bewusst machen, dass uns unsere Gefühle täuschen können. Bzw. wovon unsere Emotionen geprägt sind.

Wenn wir das tun, dann spricht nichts dagegen romantische Momente wie ich sie bezeichne, zu haben. Wenn sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen, und sich nach ihren eigenen Werten und Regeln verlieben, sollen sie doch schön essen gehen, und Blümchen schenken und sich nette Zettelchen schreiben.

Solange es Gesten der Zuneigung sind, ist dagegen ja nichts zu sagen. Werden sie aber zu stummen Stellvertretern unausgesprochener Erwartungen und Ego-Spielchen wird es eben gefährlich.
In der nächsten Folge reden wir darüber, welche konkreten psychologisch schädliche Verhaltensweisen die Romantik in uns angerichtet hat.
Das große Problem entsteht nämlich nicht nur dann wenn einer der beiden seine Rollen nicht mehr ausführen kann, oder will, sondern auch wenn wir diese Mechanismen unbewusst schalten und walten lassen.
Dann lösen sie etwas in uns aus, das unsere Beziehungen scheitern lässt bevor sie überhaupt begonnen haben!
Es bleibt also spannend

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Bis zum nächsten mal

Bleib Super

Dein Rolland-Adam