Wie wir sicher gehen können, dass uns jemand wirklich mag

von | 30. Mrz 2020

Lesedauer: 7 min

Wenn wir ein altes Paar auf einer Bank sitzen sehen, das sich nach Jahrzehnten immer noch Händchen haltend anlächelt, schmunzeln wir kurz und wünschen uns das insgeheim auch.

Wir sehen zwei Menschen, die das Glück hatten den richtigen Partner zu finden. Was wir aber eigentlich sehen sollten ist, dass das zwei Menschen sind, die sich füreinander entschieden haben – und sich scheinbar immer noch so sehr schätzen, dass sie zusammen ihre Zeit verbringen wollen.

Eine Beziehung zu führen ist einfach

Wir suchen jemanden, den wir halbwegs attraktiv finden (oft ist nicht einmal das ein Ausschlusskriterium) und spielen mit ihm das Tennis des „Ich bleibe auf meiner Seite des Feldes und du auf deiner. Das gesamte Spielfeld nennen wir dann Liebe und Beziehung und wenn wir Kinder haben, darf es auf beiden Seiten spielen“. Die Regeln sind klar und vorhersehbar, was uns viel gewisse Sicherheit vermittelt, daher klammern wir uns mit allen Mitteln an diese Regeln und achten darauf, dass der Partner nie in unsere Seite eindringt – ausser beim Sex. Machtspielchen, Gewalt, Eifersüchteleien, Respektlosigkeit und Unehrlichkeit sind Mittel mit denen wir die Regeln – oft sogar unbewusst – erzwingen.

Es sind die Regeln die wir kennen, also geben sie uns Sicherheit. Eine schwache Sicherheit. Denn nur weil wir die Spielregeln kennen (ja sogar definieren), bedeutet das nicht, dass wir im Beziehungstennis den Titel in Wimbledon holen werden.

Etwas hält uns zusammen. Trotz der Spielchen, Manipulationen, manchmal sogar Gewalt und Betrug. Etwas, das sich anhört und anfühlt wie eine Kette die immerwährend zwischen uns am Boden schleift. Für manche ist es Gewohnheit, für andere ist es der Druck der Familie oder das Stigma der Gesellschaft („Du bist Single? Das tut mir Leid“). Und so leben wir dahin, beide in ihrer Seite des Feldes auf (Tennis-)Armlänge, und verbrauchen unsere kostbare Lebenszeit, in der wir mit jemand anderem in einer guten Beziehung glücklich hätten werden können 1.

Eine gute Beziehung zu führen ist dagegen nicht so einfach

Eine gute Beziehung zu führen ist dagegen nicht so einfach. Denn sie bedingt den anderen auf seiner eigenen Seite spielen zu lassen. Ja vielleicht gibt es nicht einmal ein Spielfeld, sondern eine weite grüne Wiese bis über den Horizont hinaus. Jeder kann überall und mit jedem herumtollen und wir fühlen uns weder eingeengt noch haben wir Angst, dass der andere soweit wegläuft, dass wir ihn verlieren. Es scheint eine unsichtbare Kraft zwischen uns zu geben, die uns immer auf idealer Entfernung zueinander hält. Mal etwas enger, mal etwas weiter auseinander, wie ein magnetisches Feld. Der Unterschied zur Kette ist, dass uns nichts an den anderen bindet, sondern etwas in uns bewirkt, dass wir bei dem anderen sein wollen.

Wir wissen, dass wir alleine auch gut klarkommen, spielen keine Machtspielchen, haben Respekt für den anderen, wollen in einem Streit das Problem identifizieren und lösen anstatt Recht zu haben. Das tun wir, weil wir uns eben für diesen Menschen entschieden haben. Dadurch denken wir langfristig und es kommt uns unnötig anstrengend vor einen Partner über Jahrzehnte in seine Spielfeldhälfte zu zwingen. Wir wollen mit dem Menschen gemeinsam spielen, ihn fernzuhalten ist Unsinn.

Dies erfordert jedoch einige Dinge von uns, ohne die wir es nie schaffen werden, uns ganz auf eine Person einzulassen und diese wahrlich zu schätzen – und ihr voll und ganz zu vertrauen:

1. Entscheidung

Alles beginnt damit, dass wir uns für eben diesen Menschen entscheiden müssen. Wenn wir mit jemandem eine Beziehung eingehen nur weil wir nicht alleine sein wollen, dann ist es eben das: eine Beziehung.

Wenn wir eine gute Beziehung wollen, dann müssen wir uns jemanden aktiv aussuchen, der zu unseren Einstellungen, Werten und Vorstellungen passt. Das dauert natürlich erheblich länger, aber nichts übertrumpft das Gefühl das einem leise zuflüstert, mit niemand anderen auf diesem Planeten jetzt gerade lieber diese nervige Oper ansehen zu müssen.

2. Mut

Wenn wir verliebt sind, dann haben wir uns natürlich für diese Person entschieden. Wir wollen nur mit diesem Menschen unsere Zeit verbringen. Aber sind wir auch mutig genug diese Verbindlichkeit auch weiterhin aufrecht zu erhalten wenn unsere Freunde und Familie uns dabei nicht unterstützen? Lehnen wir Avancen von anderen Personen ab, weil wir verrückt wären das zu riskieren was wir haben? Binden wir diesen Menschen voll und ganz in unser Leben ein? Oder sind wir halbherzig und stellen ihn auch nach einem Jahr nicht unserer Familie vor? Stichwort: Hintertürchen.

Sich für jemanden entschlossen zu entscheiden erfordert Mut. Denn sich voll und ganz für jemanden zu entscheiden erhöht unsere Angst vor Enttäuschung. Wir haben offen zugestanden, dass dieser Mensch unser Herz erobert hat. Wenn er damit wegrennt, dann stehen wir da wie ein Vollidiot.

3. Verletzlichkeit

Wenn wir immer nur unsere starken Seiten zeigen und nie unsere wahren Gefühle, Ängste und Empfindlichkeiten offenbaren, dann werden wir nicht nur eine schwere Kette verspüren, die uns trotz aller Widerstände zusammenhält, sondern auch eine Wand zwischen uns verspüren, die uns immer auf Armlänge hält. Verletzlichkeit ist der Punkt im Regelwerk, mit dem wir den anderen auf unsere Spielfeldseite lassen.

4. Kommunikation

Wenn wir uns dann plötzlich beide auf nur einer Hälfte tummeln und jeder seinen Tiefschutz abgelegt hat kann es manchmal ganz schön eng zugehen. Konflikte deuten sich an, daher ist es so unglaublich wichtig mit unserem Partner immer deutlich zu kommunizieren. Wir müssen klarstellen was für uns ok ist, was unsere Wünsche, Vorstellungen, Erwartungen und auch was unsere No-Gos sind. Wenn wir erwarten, dass jemand unsere Gedanken liest, dann sollten wir lieber mit einem Zauberer zusammensein.

5. Respekt

Wenn wir klar und deutlich kommunizieren, sollten wir das immer mit Respekt tun. Das liest sich fast schon als Lappalie: „Na klar soll man seinen Partner respektieren, bla bla…, wow was für eine Einsicht!“ Richtig. Für sich betrachtet ist das ein No-Brainer.

Ein Aha-Brainer ist jedoch, wenn wir erkennen, dass wir jemanden niemals voll und ganz respektieren werden, dem wir ihm nicht zuvor jeden einzelnen Punkt auf dieser Liste geschenkt haben.

Keine echte Entscheidung für jemanden

Wenn wir nicht wissen wen wir suchen, akzeptieren wir irgendjemanden der halbwegs passt: Wofür genau sollen wir diesen Menschen respektieren?

Entscheidung ohne Mut

Auch wenn wir wissen wen wir suchen, uns jedoch nie zu ihm bekennen: Wieviel ist unser Respekt dann Wert?

Keine Verletzlichkeit

Wenn wir glücklich sind diesen Menschen an unserer Seite zu haben, uns ihm jedoch nie voll und ganz zeigen, weil wir Angst davor haben verletzt zu werden wenn er unser „wahres ich“ sieht: Wie sollen wir einen anderen Menschen respektieren, wenn wir nicht einmal uns selbst respektieren?

Schlechte Kommunikation

Wenn wir alles haben aber bei Problemen uns unkontrolliert Dinge an den Kopf werfen: Wie glaubwürdig ist dann unser Respekt?
Respekt ist kein „Feature“ das man einer Beziehung hinzufügt um eine Gute Beziehung zu haben. Respekt ist das Ergebnis von zwei Menschen, die viele andere potenzielle Partner abgelehnt haben um genau mit diesem Menschen zusammen zu sein. Beide wussten ganz genau was sie wollten, und als sie dann diesen Menschen gefunden haben, wollten sie in seiner Nähe bleiben. Denn sie haben diesen Menschen nicht als Mittel dafür gesehen, ihnen Sicherheit/Sex/Anerkennung/Geld/etc. zu geben, sondern sie haben ganz einfach wertgeschätzt welch ein toller Mensch er ist.

Finden wir jemanden, der uns dafür schätzt wie wir sind, in guten wie in schlechten Zeiten, haben wir den Jackpot geknackt.

Wo eine Beziehung eine schwache Sicherheit erzeugt weil sie sich auf zwei Spielfeldhälften abspielt und beide Spieler im Prinzip nur einsperrt, kann eine gute Beziehung, paradoxerweise komplett ohne Spielfeld, eine starke Sicherheit erzeugen. Denn wer würde nicht mit jemandem für immer zusammensein wollen, den er auf diese Art und Weise wertschätzt?



  1. Das Konzept der Opportunitätskosten, also die Kosten entgangenener Alternativen, klingt zwar sehr harsch und unromantisch. Aber es ist sehr nützlich aufzuzeigen, dass eine „nicht schlechte“ Beziehung einen viel größeren Preis von uns erfordert als wir denken. Das Problem: Wir wissen nicht was die entgangene Alternative sein könnte[]
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